Der Schatten der Kinder

Der Schatten der Kinder – je nach Sonnenstand mal länger, mal schmaler, mal gar nicht vorhanden, mal nur dezent. Nie störend oder hinderlich. Die Sonne wirft ihn einfach – so ist es eben. Aber da gibt es auch Schatten, die immer und ständig da sind. Der Schatten der Kinder, der unablässig deren Verfolgung aufnimmt und seine Präsenz nur all zu gerne wahrnimmt: Die Eltern.

Der Schatten der Kinder

Um verständlich zu machen, was ich mit diesen Schatten meine, hier einige von zahlreichen Beispielen: das Kind nähert sich mit den Eltern einem Spielplatz, es darf den fahrbaren Untersatz verlassen und steuert ein Objekt seiner Begierde an – die Rutsche. Bereits das sich Nähern der kleinen Treppe zur Rutsche wird mit einem Kurzsprint eines Elternteils unterbunden, das Kind unter den Armen hochgehoben und sanft auf dem Plateau hingestellt. Währenddessen stellt sich Elternteil Nummer 2 breitbeinig (zur Sicherung des guten Standes) neben die Rutsche und streckt bereits mit weitaufgerissenen Augen die Arme aus, um jede Bewegung des Kindes nach der Ablösung von Elternteil Nummer 1 zu kontrollieren. Das Kind rutscht nicht, es WIRD GERUTSCHT.

Anderes Beispiel: Kind und Entourage (Elternteile 1 und 2) kommen mit Sack und Pack beim Pool an, Kind sitzt noch angeschnallt im Buggy, die Szene also noch relativ relaxed. Das Kind darf jetzt raus und sich die Beine vertreten. Doch kaum schreitet es aus dem für die Elternteile akzeptablen Distanzradius von 1,2 Meter hinaus Richtung Pool (Richtung Pool – PANIK!!!), rennt die Horde der Schatten wie Wilde, um es daran zu hindern, sich näher als 8 Meter zum Beckenrand aufzuhalten. Es wird zurück in den 1,2 Meter imaginären OK-Bereich gestellt. Es dauert knappe 5 Sekunden, und das Kind wandert samt Schatten in die andere Richtung. Da ist eine Treppe. Eine 3-Stufen-Treppe – PANIK!!! Wüsste ich es nicht besser, ich dächte, die Familie spielt das Leiter-Spiel: Zurück zum Anfang – wieder in den 1,2 Meter OK-Bereich. Fast amüsiert beobachte ich dieses Prozedere, denn in den gesamten ersten 10 Minuten der Pool-Ankunft beschäftigen sich die Elternteile mit dem Schatten-Dasein zu ihrem Kind. Weder Badetücher sind ausgelegt, noch die Sonnencrème ausgepackt, es liegt kein Buch auf dem Beistelltisch und nicht mal die Rückenlehne des Liegestuhl wurde aufgeklappt. Man hat schliesslich einfach keine Zeit nebst dem 100% Kind-hinter-her-rennen.

Auch ein Beispiel: Wir essen im Restaurant. Am Nebentisch eine Familie mit einem Kind. Das sitzt gemütlich in seinem Hochstuhl und wurde zum „nichts-tun-und-bedient-werden“ degradiert. Elternteil 1 und 2 haben ihre beiden Teller noch unangerührt zum kalt-werden beiseite gelegt und hantieren wie die Wilden mit dem Babylöffel, dem Feuchttuch, der Nuckelflasche und dem Notfall-Darvida. Dem Kind wird von links und rechts versucht das Essen schmackhaft zu machen, im Minutentakt der Mund abgewischt, die Anschnallgurte erneut festgezurrt und die Nuckelflasche angeboten. Das Notfall-Darvida liegt griffbereit neben Elternteil 2. Wüsste ich es nicht besser, dächte ich, die beiden Erwachsenen seien Zirkus-Dompteure und würden einen Baby-Tiger im Schach halten. Es sieht aus, als sässe da auf dem Hochstuhl ein Mini-Monster, dass nichts kann ausser wild umherfuchteln (was ich auch tun würde, wenn mir niemand erlauben würde, den Löffel selber zu halten, eigenständig zu essen und für 5 Minuten das Gesicht mal nicht sauber zu haben).

Kinder wollen selbstständig sein. Schon der berühmte Remo H. Largo schrieb: „… Verweigern sie (die Eltern), dem Kind das Hantieren mit dem Löffel (wenn dieses es fordert), resigniert es.“ Kinder wollen selber tun, und das schon lange bevor sie „selber machen“ sagen können. Die Kleinen sind besonders stolz auf sich, wenn sie sich eine Kompetenz selber aneignen und dadurch an Selbstbewusstsein gewinnen und ihr Selbstwertgefühl festigen. Die Schatten der Kinder meinen es oft zu gut, wollen helfen, abnehmen, zuvorkommend sein. Doch dadurch fördern wir bei den Kindern nur Resignation, Selbstzweifel, Unselbstständigkeit und Frust. „Learning by Doing“ – was für ein abgelutschter Spruch, und doch liebe ich ihn. Er sagt, was wahr ist: nur durch Erfahrung lernen wir. Am meisten die Kinder. Diese tun Dinge oft gefühlte tausendmal, um danach erst überzeugt zu sein, ob das Tun nun positiv und nützlich ist oder eben nicht.

Liebe Schatten der Kinder – bitte versteht mich nicht falsch- ich weiss, ihr liebt eure Kinder aus tiefstem Herzen und ihr wollt nur das Beste für sie. Doch Hinfallen, Nase aufschlagen, Beule davontragen und es nach 10 Minuten wieder tun, gehört zum Leben. Das Verfolgen des Kindes bewirkt nicht den 100% Schutz von allem Bösen, es entwickelt vielmehr eine Unselbstständigkeit und einen grossen Frust bei den Kleinen, denn merken sie doch genau, Mama und Papa trauen mir das nicht zu. Lasst eure Kinder alleine, beobachtet aus dem Augenwinkel, lasst sie sich selbstständig fühlen und geniesst selber das nicht ständig neben dem Kind stehen. Aus der Distanz beobachtet merkt man dann ganz schnell, wie viel die Sprösslinge doch schon können, was wir ihnen lange nicht zugetraut haben. Und glaubt mir, braucht euer kleiner Spatz dann doch mal eure Hilfe, dann wird er lautstark danach rufen: „Mamaaaaaaaaaaaa“ „Paaaaaapaaaaaaaaaa“ – dann kommt euer Auftritt: hingehen, fragen ob ihr helfen könnt, die Hand reichen und wieder gehen. Das Kind merkt dann, Mama und Papa sind immer da wenn ich sie brauche, aber sie wissen auch genau, dass ich eigentlich schon fast alles alleine kann – fast alles 😉

 

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