Wenn Ansprüche festgefahren sind… FOOD MOVEMENT Kolumne

Die Dezember Kolumne bei FOOD MOVEMENT beschäftigt sich mit den Ansprüchen an uns. Was wir von und fordern, was wir von uns erwarten und was all das mit uns tut.

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Diesen Satz hat jede und jeder von uns bereits etliche Male im Leben gehört. Und wir können dem wohl beistimmen. Die Gewohnheit gibt uns Sicherheit. Uns Bekanntes fördert Wohlbefinden und vermittelt das Gefühl von Stabilität. Oft agieren wir in unserem Leben automatisch, tun Dinge aus dem Effeff und kennen die Auswirkungen und Folgen. Die Gewohnheit eben.

Ansprüche

Dinge, die wir tun und leben, generieren auch Ansprüche. Wir haben Ansprüche an unsere Arbeitsleistung, an Familienabläufe, an soziale Kontakte und unsere Freizeitaktivitäten. Diese Ansprüche resultieren oft aus dem Erfahrungswert der Gewohnheit. Was wir bis anhin gelebt haben, erwarten wir auch in Zukunft. Was gestern funktionierte, sollte morgen auch funktionieren. Der Mensch, ein Gewohnheitstier.

Was passiert nun aber, wenn aus uns unkontrollierbaren Gründen die Gewohnheit nicht aufrechterhalten werden kann? Wenn uns die Kontrolle entgleist, so zu agieren, wie wir es uns gewohnt sind? Wir erleben früher oder später ein Dilemma. Eine Zwickmühle. Denn die Ansprüche an uns selber bleiben oft bestehen, auch wenn die Erfüllung dieser nicht mehr gewährleistet ist.

Nehmen wir das Beispiel unserer Gesundheit. Sie ist uns oft ein treuer Begleiter. Das Herz schlägt, der Magen-Darm-Trakt verdaut, die Augen sehen, das Hirn denkt, die Nerven reagieren und die Lunge atmet. Wir sind es uns in den meisten Fällen gewohnt, dass unser Körper funktioniert. Wir können auf ihn vertrauen und sind uns bewusst, was er uns an Fähigkeiten verleiht.

Kann der Körper in irgendeiner Form die Gesundheit nicht mehr aufrechterhalten, dann kommen wir ins Straucheln. Wir stolpern. Über unsere Ansprüche. Denn unsere Ansprüche sind festgefahren. Sind quasi ebenso Gewohnheit. Wir erwarten heute, also erwarten wir auch morgen. Es ist nicht nur die Gesundheit, die uns zu schaffen macht, wenn sie uns verlässt. Es sind auch die Ansprüche, die wir nicht anzupassen vermögen, an eine Situation, die jetzt anders ist als gestern.

Die Erwartungen an uns und unsere Leistung – unsere Performance – ist hoch. Meistens befriedigen wir unsere Erwartungen und können mit hohem Tempo, viel Multitasking und Aufwand die täglichen to-do-Listen abhaken. Gerät jetzt aber unsere Gesundheit ins Wanken oder setzt für kurze oder lange Zeit aus, sind diese to-do-Listen nicht mehr zu bewältigen. Weder das Tempo, noch das Multitasking, noch den Aufwand können wir aufrechterhalten. Die Erwartungen bleiben unerfüllt. Die Ansprüche auch.

Die erste Handlung, die wir tätigen, wenn wir realisieren, dass wir leistungsschwacher werden, ist zu kompensieren. Wir hoffen, dass ein Entzündungshemmer hilft, die Schmerztablette wirkt, der Energy-Drink aufputscht, der Multivitamin-Saft übernimmt. Wir schlucken, was uns vermeintlich aufrechterhalten soll. Wir suchen nach etwas, das den Zustand blockiert oder verhindert. Denn wir haben Ansprüchen gerecht zu werden. Wir haben keine Zeit, leistungsvermindert zu agieren. Wir haben keine Zeit und es entspricht nicht unserer Gewohnheit.

Was aber nun, wenn wir uns anstelle der Blockierung oder Verhinderung des Krankheitsprozesses, die Krankheitsüberwindung zu Herzen nehmen würden? Was müssten wir tun, um uns oder andere durch eine Krankheit bedarfsorientiert begleiten zu können? Unsere festgefahrenen Ansprüche wieder anpassungsfähig werden lassen. Erwartungen an uns selber und andere nach Situationen und Lebenslagen generieren und nicht nach Gewohnheiten. Uns das Recht geben, das Leben als unstetigen Wildbach zu sehen. Nicht als künstlichen Kanal mit einheitlichem Uferabstand. Nur weil wir gestern überdurchschnittlich leistungsstark waren, bedeutet das nicht, dass wir es heute erneut sind. Eigentlich wissen wir das. Wir ignorieren dieses Wissen aber erfolgreich.

Schneller, höher, stärker. Das wollen wir. Und das tun wir – so lange wie wir können. Können wir es auf einmal nicht mehr, bleibt der rationale Teil von uns da, wo er immer war: Schneller, höher, stärker. Wir erwarten es. Wir fordern es. Wir haben den Anspruch. Der Frust, diesem Anspruch nicht mehr zu genügen ist unausweichlich. Und er zermürbt. Und er macht krank. Und ohnmächtig. Denn wir sehen eine Gesellschaft an uns vorbeirennen – schneller, höher, stärker. Und wir, wir bleiben zurück.

Und so wäre es an der Zeit, nicht nur Fortschritt in Medizin, Heilkunde und Gesundheitsprävention anzustreben. Sondern ganz speziell an unserer Einstellung gegenüber Erwartungshaltung, Ansprüchen und Gewohnheiten zu arbeiten. Sie wieder adaptierbar zu machen. Flexibel. Die teuersten und besten Heilmethoden helfen mir nicht, wenn ich den Zustand der Krankheit als Scheitern meiner selbst betrachte. Als Scheitern meiner selbst in einer Gesellschaft im Streben nach «schneller, höher, stärker».

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