Wo ist unsere Vielfalt hin?

Wir sind entzückt über die Vielfalt von Wiesenblumen auf einer mageren Alpwiese. Sind entzückt über die unterschiedlichen Wassertropfen die an unserem Fenster perlen. Wie schön finden wir die Vielfalt herbstlicher Farben in den Laubbäumen. Und wie sehr mögen wir das unterschiedliche Flackern jeder einzelnen Kerze zur Adventszeit. Als Betrachter der Natur schätzen wir sie. Die Vielfalt. Wir fordern sie gerade zu. Stellen unterschiedlichste Pflanzen in unsere Räume und Gärten. Wollen im Zoo möglich viele verschiedene Tierarten bestaunen. Gegenüber uns Menschen stellen wir sie in Frage. Nein: wir verachten sie meist gar. Wir zeigen auf sie mit dem Finger. Wir prangern sie an. Subtil teils. Teils auch offenkundig vernichtend.

Vielfalt

Wir Menschen sind so unterschiedlich wie es die Wiesenblumen sind. Unsere Meinungen sind so vielfältig wie es die Wassertropfen sind. Jeder von uns ist wie eines dieser rot-orange-gelb-braun leuchtenden Herbstblätter. Und keiner ist gleich. Diese Vielfalt schwindet. Nicht im eigentlichen Sinne. Denn die Vielfalt an Sein und Leben ist täglich spürbar. Doch sie schwindet im Sinne von gelebter Ignoranz, Arroganz und Respektlosigkeit.

Es ist mir ein Rätsel wie der Mensch sich anmassen kann, zu wissen, was die Allgemeinheit darzustellen hat. Was gut und schlecht ist. Was profitabel und was nicht-profitabel ist. Was lebenswert und was nicht lebenswert ist. Wer masst sich an in Schubladen einzuteilen? Und wer gibt den Ton an um zu behaupten, er kenne den Massstab?

Mein eigener Vater erlebte Diskriminierung. War Opfer ausgelebten Rassismus. Seine Geschichten erzählte er nur selten. Und wenn, dann in einem eher leisen Ton. So als müsse er sich schämen. So als hätte er Mitschuld. Hatte er nicht. 1934 geboren als Sohn eingewanderter Italiener. Das Leben war schwer.

Ich hörte immer gebannt zu. Saugte sie auf, diese Geschichten. Von ihm. Und von seiner Schwester, meiner Lieblingstante. Ich nannte sie so, auch wenn ich nur eine einzige Tante hatte. Sie war trotzdem meine Lieblingstante. Ich hörte diese Geschichten und fragte oft danach, sie wieder und wieder erzählt zu bekommen. Über das geschlagen werden. Über das geplagt werden. Über die Ungleichheit wenn es dazu kam, wer in welche Schuleinheit durfte. Über Gemeinheiten und Fieseleien. Geduldet von Mitmenschen mittels Wegsehen, Nichtkümmern oder Ignorieren. „Kommt nur her ihr lieben Andersartigen, kommt und arbeitet. Aber lasst es gefälligst sein, euch in unsere Gesellschaft einzugliedern. Und wenn ihr es versucht, dann zeigen wir euch, wer am oberen Ende der Nahrungskette steht.“

So stellte ich es mir immer vor als Kind. Dass diese gemeinen Menschen meinem Papa dies sagten. Dass sie ihm und vielen anderen zeigten, dass sie nicht willkommen sind. Und seien es nun diese Geschichten. Die Kindheit meines Papas. Die Geschichte meiner Familie. Oder die Art meines Charakters. Ich dulde keine Unterdrückung der Vielfalt. Tat ich nie und werde ich nicht tun.

Ich wehre mich dagegen, dass Menschen sich anmassen, zu denken, sie wüssten, was besser und schlechter ist. Dies kann gipfeln in Rassismus, Sexismus oder jeglicher anderer Form der Diskriminierung. Dies kann aber bereits im ganz kleinen Rahmen geschehen. Wer sagt mir, dass mein Kind dies und das können muss? Wer sagt mir, dass ich so oder anders mein Leben gestalten kann? Wer masst sich an, zu sagen, wie andere leben müssen?

Und jetzt würden wohl viele mit dem Kopf nicken und mir zustimmen: „Ja, das geht gar nicht.“ Und wisst ihr was? Ich würde vielen antworten: „Du lebst sie doch auch. Die Unterdrückung der Vielfalt. Das Besser-Wissen. Das Tratschen. Das Hintenrum Geschwatze. Das Gerede.“ #sorrynotsorry wäre jetzt wohl mein passender Ausdruck. Ja, ich fahre gerade dem einen oder anderen an den Karren. Aber das ist ok für mich.

Wir zeigen mit dem Finger auf die Vielfalt. Wir tuscheln über sie. Und wir dulden sie nicht. Nicht wirklich. Denn haben wir nicht oft Mühe mit dem was anders ist? Vielfalt sollte an oberster Stelle stehen. Vielfalt und Andersartigkeit. Aber sie steht ganz weit unten. Bei vielen von uns. Und auch bei unserem System.

Wir haben manifestierte Bilder von Frau-sein, Mann-sein. Von Religion und Glauben. Von Ansichten und kulturellen Dingen. Wir meinen zu wissen, wie Erziehung auszusehen hat. Was Leistung bedeutet. Wie Partnerschaft gelebt werden soll. Wir definieren erfolgreich und nicht erfolgreich Sein. Und wir haben ganz eindeutig Probleme mit der unvoreingenommenen Annahme von Vielfalt. Was die Natur vorgesehen hat, unterdrücken wir. Wir sind nicht mehr fähig, Vielfalt als einen Gewinn zu sehen. Weder im einzelnen, noch im ganzen System.

Natürlich gibt es sie. Die Menschen, die die Vielfalt mögen, fördern und fordern. Natürlich gibt es sie. Zum Glück. Aber diejenigen, die die Vielfalt unterdrücken. Die kriechen dahin wie Holzwürmer in einem antiken Möbelstück. Lautlos, vernichtend, plagend. Mag etwas harsch klingen, aber anders kann ich es nicht empfinden.

Und so steht sie zuoberst auf meiner Liste: das fördern der Vielfalt. Das Annehmen der Vielfalt als etwas natürliches, menschliches. Dies sage ich auch zu meinen Kindern. Hört zu, ihr Lieben. Hört zu Fräulein Flunker und klein Napoleon. Seid euch immer bewusst, dass eure Meinung nur für euch zählen soll. Dass eure Ansichten genau richtig sind für euch, nicht aber allgemein gültig sein müssen. Euer Gegenüber mag anders denken. Macht daraus ein spannendes Gespräch. Lasst euch inspirieren oder anspornen. Aber lasst euch nicht belehren oder schubladisieren. So lange eure Meinung oder eure Ansicht keinem anderen Lebewesen Schaden zufügt oder Leid bringt, so ist sie richtig. Für euch. Ganz individuell.

Und so bitte ich meine Kinder, Andersartigkeit mit Interesse zu begegnen. Mit Offenheit und Unvoreingenommenheit. Seid respektvoll zu eurem Gegenüber und urteilt nicht. Ihr selber wollt auch nicht be- oder verurteilt werden. Redet nicht gemein über andere. Kümmert euch nicht um andere wenn es nur das Tuscheln und Tratschen anbelangt. Kümmert euch dann um andere, wenn Hilfe, Sorge und Mitgefühl gefragt ist. Habt eure Meinung und vertretet sie, aber denkt nicht, sie sei allgemein gültig. Dieses Recht habt ihr nicht. Ihr nicht und alle anderen auch nicht.

Und so kann es dazu kommen, dass ich mich von Leuten entferne. Von Menschen um mich herum, die meinen, alles beurteilen und kritisieren zu müssen. Die meinen, das ihrige sei richtig und das meine falsch. Mag sein. Wer weiss das schon. Ich will es mir nicht anmassen zu entscheiden, was wirklich richtig und falsch ist. Und wenn das andere tun – bitte schön. Macht es. Einfach ohne mich. Ich vertrage das nicht. Ich vertrage euch nicht.

Und so denke ich mir: die individuelle Vielfalt würde uns vielleicht helfen. Helfen gewissen Zwängen zu entkommen. Gewisse Pflichten lockerer zu verarbeiten. Vielfalt kann dem Geist mehr Platz lassen und das Herz öffnen. Kann Druck wegnehmen. Macht Emotionen Platz. Macht Schwäche zu nichts minderwertigerem als Stärke. Macht Stärke nicht besser als Schwäche. Ja so denke ich. Nur ich. Für mich. Alleine.

In meinen Träumen habe ich dich gerettet, Papa. In meinen Träumen habe ich dir stets beigestanden. Ich habe für dich gekämpft, weil du nicht alleine für dich kämpfen vermochtest. Denn es waren zu viele. Zu viele die die Vielfalt scheuten. Die die Andersartigkeit als Bedrohung sahen. Heute als erwachsene Frau muss ich nicht mehr für dich kämpfen. Aber ich kämpfe meinen eigenen kleinen Kampf gegen die Verbohrtheit des „sein-müssens“. Ich verweigere mich dem Schubladisieren in jeglicher Weise. Und das tue ich nur für mich. Keiner muss mit mir meine Meinung teilen. Es ist schliesslich die meinige.

Und so, liebes Fräulein Flunker und lieber klein Napoleon, so ermutige ich euch zur Individualität in allen Belangen. Seid offen, seid neugierig. Urteilt nicht zu was ihr selber nicht verurteilt werden wollt. Lebt und liebt die Unterschiede. Denn sie sind die Wahrheit. Sie sind Realität. Gestern, heute und morgen.

2 Gedanken zu „Wo ist unsere Vielfalt hin?

  1. Patrick R. sagt:

    Sehr schöner Beitrag!
    Das erinnert mich an eine sehr schöne und erkenntnisvolle Konversation mit einem Freund;
    Eine Wahrheit gibt es nicht. Vielmehr ist die Wahrheit ein subjektives Empfinden, welche für jeden von uns auf unsere eigene Art und Weise stimmt.
    Andere Ansichten zu unterdrücken ist meiner Meinung nach der Ausdruck von Arroganz, ohne in Betracht zu ziehen, dass die wahrgenommene Wahrheit nur ein Produkt unserer eigenen Empfindung ist.
    Toleranz bedeutet demnach zu akzeptieren, dass es auf dieser Welt kein Richtig oder Falsch gibt.

    Dass du diese Einstellung an deine Kinder weitergibst ist wirklich zu loben! Instinktiv kreieren Kinder ihre eigene Wahrheit aus einzelnen Eindrücken und Erfahrungen.
    Das Lehren von Toleranz und Offenheit, andere Meinungen anzunehmen und ggf. im Raum stehen zu lassen, ist ein sehr wertvoller Baustein für die Entwicklung einer starken Persönlichkeit.

    Vielen Dank für deinen Beitrag und eine schöne Woche 😊
    Herzliche Grüsse,
    PR

    • mamalltag sagt:

      Was für eine liebe Rückmeldung zu meinem Beitrag. Herzlichen Dank für deine Gedanken. Sie sind sehr wertvoll.
      Die Wahrheit ist subjektiv, wie wahr. Und das darf sie sein. Sie darf subjektiv sein und als solches bestehen, so lange sie mit sich kein Leid bringt. Und so lange man sich dieser subjektiven Wahrheit nicht übermächtig wird und sie anderen aufzwängen will.

      In diesem Sinne – herzlichen Dank für den Gedankenaustausch und auch dir eine schöne Woche.
      Gruss,
      Fiorina

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