Das Problem mit der Selbstliebe

Einen Kaffee neben mir, der Raum nur mit leiser Hintergrundmusik erfüllt, das Buch mit dem ich mich beglücke hab ich erst gerade aus der Hand gelegt. Ich fühle mich gut und bin entspannt. Ja sogar ein wenig glückselig – so wie wenn man verliebt ist. Vielleicht bin ich es ja gerade. Verliebt in das Ich, dass ich gerade bin. Ein ausgeruhtes Ich, ein ruhiges Ich, ein unverplantes Ich. Selbstliebe ist es wohl, die ich gerade spüre und die mich fast euphorisch werden lässt. Nur, warum empfinde ich diese Gefühl als so speziell? Warum erscheint es mir so übernatürlich? Wohl weil ich es zu selten fühle, es zu selten zulasse. Gedanken zu in-sich-selber-verliebt-sein, oder das Problem mit der Selbstliebe.

Selbstliebe

Ich und meine Füsse – die zu gross sind – immer schon – aber das ist ok – in der Zwischenzeit *Selbstliebe*

Ich sage gerne, dass das Leben eine Sinuskurve ist. Mal gehts aufwärts, mal gehts abwärts. Aber mit Sicherheit gehts immer irgendwie vorwärts. Wenn’s aufwärts geht dann ernähren wir uns toll, hören auf unser Bauchgefühl, sind friedvoll und mitfühlend und voller Tatendrang. Wenn’s abwärts geht stellen wir unsere Bedürfnisse in die Besenkammer, ist Haare waschen kein Wohlfühlprogramm sondern ein mühsames Prozedere, steigt der Schrott-pro-Kopf-Konsum exponentiell und unsere innere Stimme interpretieren wir als Funkstörung.

Es kann sein, dass wir in Abwärtsphasen zumindest noch unsere Sozialkompetenz aufrecht erhalten. Wir können ja schlecht durch den Alltag tingeln und jedefrau und jedermann anschnauzen, nur weil’s grad nicht so läuft. Die Selbstliebe, die allerdings bleibt fast immer als erstes auf der Strecke. Nicht nur, dass wir uns keinerlei Pausen gönnen, während wir uns mit miesepetrigen Gedanken zukleistern, wir sind auch nicht sonderlich lieb zu uns selbst. Doch wohl gerade dann, in solch schwierigen Zeiten, hätten wir emotionale Streicheleinheiten nötig. Aber nein, wir tendieren dazu, uns selber gar nichts mehr zu gönnen und die Selbstliebe bis auf weiteres in den Ruhezustand zu schicken.

Ja, ja, ich weiss schon, wir gönnen uns dann vielleicht dreimal so viel Schokolade, weil die Zeiten halt so schwierig sind. Oder wir brauchen dringend einen Apéro – schliesslich hat man’s sich verdient, ist ja grad so ’ne miese Phase. Oder wir meinen mit dem achten Espressi unserer Schlappheit endgültig den Garaus zu machen. Das ist aber nicht diese doch so nötige Selbstliebe. Das ist Seelen-Fastfood im legalen Betäubungsmittelmetier (blödes Wort, aber ich lass es stehen, weil mir nichts passenderes einfällt).

Unsere Welt läuft leider ganz oft nach diesem Schema. Es geht uns nicht gut, wir laufen am Limit, haben Krisen. Und dann belohnen wir uns. Nicht mit der so nötigen Selbstliebe, sondern mit Dingen, die das emotionale Loch stopfen sollen. Wir kaufen etwas Unnötiges. Wir bestellen uns Unbrauchbares. Wir essen, wir trinken, wir rauchen, wir spielen. Aber wir kommen nicht zur Ruhe. Wir wollen um jeden Preis verhindern, dass dieses Loch ersichtlich wird und dann vermutlich für kurze Zeit mehr weh tut, als wenn wir es stopfen.

Eine seltsame, traurige Art mit Lebensphasen umzugehen, die uns doch immer und immer wieder antreffen. Keiner von uns entgeht der Sinuskurve des Lebens. Es geht immer aufwärts, abwärts, vorwärts. Was also tun? Ehrlich gesagt, wohl in den meisten Fällen genau das was ich vorab schon beschrieben habe: wir werden versuchen, unser emotionales Loch zu stopfen. Schnell, effizient, aber sicherlich nicht nachhaltig. Was aber, wenn wir jetzt mal versuchen, der Selbstliebe im Alltag ein wenig mehr Präsenz einzugestehen. Nicht nur in den Abwärtsphasen, auch bereits in den Aufwärtsphasen. Denn sind wir mal ehrlich: machen wir unsere wahrhaftigen Bedürfnisse tatsächlich jemals zur obersten Priorität? Oder ordnen wir sie gesellschaftlichen Verpflichtungen unter? Weil’s grad nicht passt, weil’s grad zeitlich nicht hinhaut und weil man meint, allen anderen zuerst gefallen zu müssen, denn das eigene Ich nimmt es einem wohl nicht ganz so übel.

Aber wisst ihr was? Das haut nicht hin. Nein. Leider nein. Jedesmal wenn ich meine eigenen Bedürfnisse hintenanstelle, mein ich wohl, mich selber überlistet zu haben (hehe) und anderen Gefallen zu erbieten. Und ich sag es euch ganz ehrlich: ich bin eine Meisterin in „Selbstliebe übersehen“. Keine Zeit, keine Muse, Wichtigeres zu tun. Aber ich bin auch ganz ehrlich zu euch und gestehe: ich übe. Ich übe wie eine Verrückte, dass es mir besser und besser gelingt, Selbstliebe häufiger zu praktizieren. Eigentlich möchte ich sie als meinen stetigen Begleiter, so wie das Atmen, den Herzschlag. Eine grosse Herausforderung, aber ich bleibe dran.

Denn wisst ihr, was mir immer und immer wieder passiert? Ich stelle meine Selbstliebe auf’s Abstellgleis und tue, was ich denke, ist wichtiger zu tun. Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem ich mich so unglaublich leer fühle, dass das Loch mit keinerlei Dingen mehr zu stopfen ist, die ich irgendwo finden kann. Diese Erkenntnis trifft mich dann jeweils wie ein Schlag mit einer gusseisernen Bratpfanne mitten in die Visage. Ja genau so heftig. Denn was ist das Resultat der Ignoranz meiner Selbstliebe gegenüber? Ich werde mehr und mehr genervt, gestresst, griesgrämig und sozial unerträglich. Und das auch meinen geliebten Kindern gegenüber. Auch gegenüber meinem so wundervollen Mann. Und nicht zuletzt gegenüber mir selbst. Eine ganz furchtbare Situation die ich mir selber eingebrockt habe.

Selbstliebe schützt vor Abwärtszeiten nicht. Selbstverständlich tut sie das nicht. Aber sie ist so wichtig wie das Atmen, wie der Herzschlag. Ich möchte sie in meinem Rucksack griffbereit und immer präsent. Ich übe. Übe und gebe mir Mühe. Denn ich will nicht nur andere lieben. Ich will nicht nur von anderen geliebt werden. Ich will ganz fest auch mich selber lieben. Eine triviale und doch so herausfordernde Aufgabe. Aber ich nehme sie an. Und ich erfreue mich darüber, dass ich es Schritt für Schritt immer ein bisschen besser kann.

Und jetzt bestelle ich mir noch einen Kaffee, den zweiten für Heute. Und ich nehme mein Buch wieder zur Hand und bin einfach noch ein bisschen hier. Weil es mir gut tut. Weil ich mir gut tue. Schön dass es dich gibt, du plapperndes, leidenschaftliches, impulsives Ich mit all deinen Facetten, die dich zu dem Ich machen, dass ich ja eigentlich so gerne hab. Nicht eigentlich. Dass ich gerne hab.

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