Ich weiss, du kannst das.

Wie fühlt es sich an, wen jemand einem etwas zutraut? Wenn das Gegenüber einem in einer ganz klaren Selbstverständlichkeit signalisiert: ich traue dir das zu! Kein Zweifeln am Können, kein Denken an Scheitern. Pures Vertrauen in das Können des Gegenübers. Wie fühlt es sich an? Ja, wir müssen zuerst darüber nachdenken, denn dieses Gefühl wird einem selten gewährt. Viel zu selten. Oft sogar nie. Traurigerweise.

Vertrauen

Ich denke nicht, dass du das schon kannst – alleine wird er es nicht so schnell schaffen – eine andere wäre geeigneter für diese Aufgabe – nein, dafür fehlen ihm noch die Skills – du bist noch zu klein dafür – ich finde, er kann das besser als du – wenn du mal grösser bist… Werden wir nicht alle automatisch kleiner mit solchen Aussagen? Wie sollen wir etwas schaffen, wenn keiner daran glaubt, dass man die oder der Richtige dafür ist?

Eine Geste, ein unterstützendes Nicken, ein vertrauender Augenkontakt, der vermittelt: ich weiss, du kannst das. Mehr braucht es oft nicht um dem Gegenüber zu signalisieren, dass man an ihn glaubt. Und mehr braucht es nicht, um dem Gegenüber das Selbstwertgefühl zu geben, das im Leben stark macht. Es bedarf jedoch an Folgendem: Kontrolle abgeben, Zeit zur Verfügung stellen, Loslassen und trotzdem da sein. Wie soll ich lernen, meine Jacke selber anzuziehen, wenn mir niemand die Zeit dazu gibt? Wie soll ich lernen, die grosse Kletterwand zu besteigen, wenn niemand meine Hand loslassen will. Wie soll ich lernen, das Geschirr zu verräumen, wenn ich ständig kontrolliert und korrigiert werde. Aus Angst es könnte zerbrechen? Wäre das schlimm? Aus Angst man kommt zu spät? Wäre das schlimm? Aus Angst es könnte nicht klappen? Wäre das schlimm?

Nichts ist schlimm, wenn man lernt. Sei es nun als Kind – all die elementaren Dinge. Sei es als Erwachsener – all die neuen Dinge. Schlimm ist nur, wenn das Gegenüber einem nichts zutraut. Wenn sich das Gegenüber gar nervt an der Langsamkeit, die man als Anfänger hier und dort halt nun mal hat. Manchmal erscheint mir die Welt als zu schnelllebig um zu Lernen. Wir haben keine Zeit mehr, etwas Schritt für Schritt uns anzueignen. Selber zu probieren, herauszufinden, wie etwas geht, wie es funktioniert. Die Welt, das Gegenüber hat keine Geduld mehr. Sie signalisiert uns eher: ich weiss, vielleicht kannst du es, aber hey, sorry, der da drüber kann es schneller und besser, also mach Platz – du bist zu langsam!

Was will ich damit sagen? Tut eurem Gegenüber gut und zeigt ihm und ihr, dass ihr wisst, dass er und sie es gut kann. Schenkt Vertrauen und Geduld. Seien es eure Kinder, eure Berufskollegen, Freunde, euer Partner, eure Partnerin. Ihr könnt ihnen nichts besseres tun, als ihnen euer Vertrauen in ihr Können schenken. Die Kinder werden selbstbewusst, getrauen sich zu probieren, werden mutig, dürfen scheitern, und können wieder aufstehen. Die Erwachsenen sind dankbar, werden diese Geste wahrscheinlich überrascht annehmen, kommt sie doch zu selten vor.

Was will ich damit nicht sagen? Keine jubeltönigen Komplimente für jeden Pipifax der jemand macht. Ich muss nicht jede Kinderzeichnung gerahmt an die Wand tackern oder jedes gemachte Kloschüssel-Geschäft mit choreografischer Tanzeinlage feiern. Man kann auch übertreiben und ausgewachsene egozentrische Selbstüberzeuger heranzüchten (und dann kommt ihr auf mich zurück und sagt: die von Mamalltag sagte doch, blablabla, und jetzt hab ich den Egomanen… neneneeeeeeee).

Ich weiss, du kannst das. Ein schöner Satz – eine schöne Geste. Etwas das gut tut. Mir, euch, allen. Warum nur sagen wir es so wenig? Warum nur zeigen wir es so wenig? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur eins: Ich gebe mir ganz viel Mühe, all den tollen Menschen um mich herum immer mal wieder zu sagen und zu zeigen, wie sehr ich an sie glaube und wie toll ich das finde, was sie tun und sind.

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