Was macht Napoleon?

Was macht Napoleon? Vorweg: ich hab ihn noch, er verschwand nicht, mutierte nicht, will sich nicht verdünnisieren – manchmal macht er Pause (oder vielleicht ist er auch nur eine multiple Persönlichkeit und wechselt sich in seinem Wesen ab). Auf jedenfall erfreuen wir uns mehr oder weniger seiner Anwesenheit. Letztens erfreuten wir uns eher weniger…

Was macht Napoleon?

Ein Nachmittag auf einem weitläufigen Bauernhof mit Holzbetrieb und Spielplatz – was für ein Programm. Kind 1, Kind 2 und Tageskind waren im Auto eingeladen, der gesamte Fuhrpark inkludiert, damit die Kinderleins auch schön mit den Velos und Trottinetts umherfahren können. Angekommen begrüssten wir unsere Kollegin mit ihren zwei Buben und los ging’s. Meine zwei Grossen fuhren mit dem Velo voraus, Napoleon zischte furchtlos mit dem Trottinett hinterher. FURCHTLOS! Und in einem Tempo dass man den Gegebenheiten als „nicht angepasst“ nennen musste. Alles ermahnen von wegen „Bitte nicht so schnell“, „Bitte etwas langsamer“, „Bitte bremsen. BREMSEN!“ wirkten eher noch beschleunigend auf den Kamikaze. So kam es, wie es kommen musste. Napoleon stürzte. Mitten auf die Visage. Halleluja. Wir waren erst 10 Minuten unterwegs und schon floss das Blut in strömen – und Napoleon war noch nicht mal im Gefecht, er war lediglich gestürzt. Allerdings ist da ja mitten im Gesicht eine Lippe. Diese riss sich Napoleon auf und besudelte sich und mich in Scharlachrot. Was Napoleon nun mehr bestürzte, den Sturz und seine damit besiegelte Unfähigkeit oder der Schmerz an sich, weiss ich nicht. Auf jedenfall brüllte er aus Leibeskräften. Mama schien dabei nicht der rettende Anker zu sein, sondern das zweitgrösste Übel, nebst dem Sturz. Ich durfte weder die Zähne begutachten, noch das Blut abtupfen, noch umarmen, noch weiss ich was. KREISCH-ZETER-MORDIO! Selbst die hinterletzte Kuh auf dem kilometerweiten Gelände hörte Napoleons Flucherei.

Ich hätte wirklich verstanden, hätte man mich angeschaut, als ob ich dem Kind irgendetwas angetan hätte. Es schrie, kreischte, war voller Sabber-Blut-Gemisch und zappelte mit den Beinen und Armen hin und her. Ein Grund, warum ich Napoleon im Buggy anschnallen musste. Das passte ihm so gar nicht und die Anzahl Dezibel stieg in’s Unermessliche. Danke du liebe Kollegin du – sie schaute mich nur verständnisvoll an und meinte: „Das kenne ich!“ Wie gut das tut, wie wohltuend – sich verstanden zu fühlen. Selbst dass wir uns durch das Gekreische hindurch kaum unterhalten konnten, fand sie nicht schlimm. Und dann kam sogar eine Mama zu uns heran, welche den Sturz miterlebt hatte, und bat mir und Napoleon „Notfall-Tropfen“ und „Arnica-Kügelchen“ an. Was für eine herzensgute Mama, hatte ich doch genau heute mein Notfall-Etui zu Hause liegen gelassen. Napoleon bekam von der allgemeinen Aufruhr nichts mit – er musste Brüllen, Kreischen, Schreien.

Nach gefühlten Stunden aber wahrheitsgetreuen 27 Minuten, hatte sich das kleine Unfallopfer beruhigt. Der Schmerz ging als erstes weg, Frust und Tobsuchtsanfall wollten noch etwas länger unter uns weilen. Das sind immer die Momente, in denen ich langsam – LANGSAM – von 10 rückwärts auf Null zählen und dabei tief durchatmen muss. Ich verstehe Weinen bei Schmerz (ob Herzschmerz, Hinfall-Schmerz, Zahnschmerz, Schürfschmerz, einfach Schmerz), ich verstehe Weinen bei Emotionen (ob Trauer, Panik, Angst, oder einfach ich-hab-grad-Lust-auf-Katharsis), aber ich verstehe wirklich nicht das Weinen und Gezeter beim ich-steigere-mich-da-jetzt-mal-rein Modus. Das macht ich als Mama WAHNSINNIG! Macht mich sogar bei Erwachsenen wahnsinnig – dieses theatralische, nach Aufmerksamkeit suchende Querstellen. Da werd ich total asozial – kann kaum Verständnis zeigen und meine Geduld und mein Einfühlsvermögen schrumpfen auf Planktongrösse.

Da ich eine tendenziell leidenschaftliche Person bin, sollte ich wissen: Nicht provozieren lassen – NICHT PROVOZIEREN LASSEN! – ignorieren – IGNORIEREN! – Klappt in den meisten Fällen leider nicht. Die Mama wird dann sauer, so richtig sauer, über das Kind, über die Situation, über sich selbst. Das wiederum spürt Napoleon und deswegen entscheidet sich dieser wohl genau dazu, sich erst nach diesen gefühlten Stunden wieder zu beruhigen. Mama tut ja auch saudoof, denkt er sich. So kam es also, dass alle Tiere des Murimoos, alle Mitarbeiter, alle Besucher und Besucherinnen und zufällige Passanten dachten: a) diese Mama hat das Kind nicht im Griff, b) dieses Kind ist schlecht erzogen. Tja, damit musste ich leben, die Situation liess sich mit allen Arnica-Kügelis und Notfalltropfen schlichtweg nicht bessern. Es half nur die Zeit (diese eben erwähnten STUNDEN!!! ähm, ok, 27 Minuten).

Der Anfall war danach vorbei, die Stimmung wieder hergestellt und meine liebe Kollegin immer noch so treu gewillt, uns weiterhin Seite an Seite zu begleiten. Es blieb nur eins: Napoleons Schlauchbootlippe. Was bin ich froh ist das Kind noch keine zwei Jahre alt und hat somit die optische Veränderung in seinem Gesicht nicht mitgekriegt. Ich wette, wäre Napoleon 14 Jahre alt, der Anfall hätte beim Anblick im Spiegel von vorne angefangen. Und da die Regenjacke in leuchtendem Pink daherkam, war die blutige Sauerei auf der Jacke ebenfalls kaum zu erkennen. Ein wenig Glück kam mir also doch noch entgegen – jupi!

Der Rest des Nachmittags verlief unfallfrei und total schön. Wir gehen da bald mal wieder hin, zu diesem schönen Murimoos. Ich steck Napoleon dann aber nicht nur in einen stinknormalen Velohelm, nein, ich frag meinen lieben Coach vom Crossfit 1352 – der spielte mal Eishockey – vielleicht hat er mir einen Ganzkörper-Gummi-Polster-Schutzanzug. Man weiss ja nie!

PS: Hab ich erwähnt, dass Napoleon gerade seine Eckzähne bekommt? Nicht? Ja, dann meld ich mich in ein paar Tagen sicherlich wieder. Langweilig wird’s uns nicht. Auf dann – gute Zeit euch lieben, treuen Mamalltag Lesern.

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