Hallo kleiner Napoleon!

Ich ertappe mich, wie ich mir heimlich versuche, ein Hustenbonbon einzuverleiben. Kein Rascheln der Packung, kein auffälliges Rumgefingerle bis das Teil aus dem Sack raus ist. Ich erschleiche mir quasi dieses Bonbon. Aber warum denn? Ich bin 33, kann selber Entscheidungen treffen und schliesslich handelt es sich nicht um etwas gewaltiges, sondern nur um ein Hustenbonbon. Warum mach ich dieses Theater also? Wegen Napoleon. Meinem höchstpersönlichen Napoleon. Klein, bestimmend, fordernd, nur Siege akzeptierend und ganz und gar ich-bezogen. Ich rede von Kind Nummer 2 alias Napoleon. Gerne stelle ich vor…

Hallo kleiner Napoleon

Klein Napoleon hat momentan das Gefühl, alles aber auch wirklich alles ebenfalls zu dürfen, lautstark einfordern zu müssen, warten sollen die anderen und Mama gehört zur Gefolgschaft und hat zu dienen. Napoleon hat dies mit Mama natürlich nicht abgesprochen – es ist einfach so, Basta! Daraus resultiert, dass alles was Napoleon will, die Mama doof findet, und alles was die Mama will, Napoleon doof findet. Eine, gelinde gesagt, etwas anstrengende Zeit.

Die Welt dreht sich um den kleinen Napoleon und er kann nicht verstehen, warum das anders rum sein sollte. Man könnte ihn vorsichtig auch etwas egoistisch nennen. Oder SEHR egoistisch. Das mit dem Hustenbonbon ist nur ein Beispiel. Ich kann auch nicht auf’s Klo, ohne Napoleon. Der will da mit, schliesslich könnte er ja was verpassen. Ich kann keinen Schluck Tee trinken, ohne ihm auch zu geben, es könnte ja ein Zaubergetränk sein. Alles was ich auch nur erwäge in die Hand zu nehmen, will er auch. Das ergeht der grossen Schwester genau gleich. Alles will Napoleon auch haben.

Im Gegenzug aber will er nichts hergeben, nein nein, wohin würde das denn führen. MEINS!!! Ok, rein theoretisch war’s zuerst mein,seins, ihres oder wem auch immer – sicherlich nicht Napoleon seins. Aber das lässt sich mit lautstarken Gekreische und Wutausbrüchen ja schnell ändern. Er zerrt so lange an einem Ding, bis es ihm gehört und watschelt dann gemütlich davon. Wehe jemand holt es sich zurück – dann wird sich theatralisch auf den Boden geschmissen und mit sich windenden Wurmbewegungen die Entrüstung des Verlustes kundgetan.

Mit Napoleon klappt momentan auch keine vernünftige Diskussion. Oder eine simple Tat. Zähneputzen zum Beispiel. Napoleon findet, dass die grosse Schwester auf dem falschen Böckli steht. SEINEM Böckli! Okeeeeee. Böckliwechsel? Nein, das ist Mama zu blöd, wäre ja zu schön. Weiter im Takt. Mund aufmachen braucht 15 Sekunden gutes Zureden, Zahnbürste loslassen und Mama oder Papa machen lassen braucht erneut 10 Sekunden. Dann den Kopf still halten – NEIN! Gib dir Mühe Mama, denkt sich Napoleon, das kannst du auch wenn ich Headbange… ??? Okeeeeeee. Zähneputzen durch, bitte Mund spülen. Mund spülen bitte! BITTE!!! Kind 2 versteht anscheinend Mund spülen nicht, sondern „dreh den Wasserhahn auf und plantsche mit den Händen darin“. RICHTIG FEST! Der Moment des #ichflippgleichausundmachwasdummes ist bei Mama oder Papa bald erreicht. Und wir sind ja nur beim Zähneputzen – beim Zähneputzen das wir dreimal am Tag machen. Ohne wenn und aber, auch wenn Napoeon auf andere Siegeszüge muss (Kind 2 scheint nämlich seine Wichtigkeit im Universum ein kleines bisschen zu überschätzen).

Diese ich-will-und-ich-muss-jetzt-sofort-genau-das-haben-Phase ist geprägt von Lautstärke, Durchsetzungswillen und Frust. Nicht nur seitens Napoleon, auch seitens der vom Thron gestossenen Elternschaft. Gerne würde ich ihm ja das Zepter der Alltagsführung übergeben. Leider kann Napoleon nicht kochen, aufräumen, einkaufen, organisieren, waschen, blablablablabla. Würde er in seiner momentanen Phase wahrscheinlich auch nicht, da ist ja noch der Pöbel um ihn rum, vom gemeinen Volk Mama, Papa und Schwester genannt. Die können das tun!

Was nun? Alle fünf Minuten diskutieren? In’s Zimmer stellen? Streiten und sauer sein? Ach, das schlägt auf den Magen, macht weder Napoleon noch Mama und Papa Spass. Aber einfach so durchgehen lassen? Diesen totalen Egoismus? Nein, das geht mir dann doch gegen meinen Strich. Das mit dem Diskutieren ist aber auch keine Lösung, schliesslich ist Napoleon noch keine zwei Jahre alt, kommt eher einseitig raus, dieses Projekt. Meine bessere Hälfte hatte dann den genialen Einfall: Liebe schenken! „WAS?“, hab ich ihn beinahe angeschrien. „LIEBE SCHENKEN? Ich schenk Napoleon gleich was!“, waren da schon eher so Mamas Gedanken… Aber siehe da, meine Superhälfte war vom Pfad der Einigung mit Napoleon gar nicht so weit weg. Wenn ich nämlich mit Nähe, Zuneigung und sanftem Druck neue Wege vorschlage, scheint dies besser akzeptabel zu sein, als dass es tausend Worte wären. Vielleicht ist klein Napoleon ja auch gar nicht auf Siegeszügen gegen jeden und alles, sondern ist selber verunsichert, weil der Frust vom Klein-sein manchmal gross sein kann. Man will so viel und kann noch so wenig, will mitmachen und erreicht nicht alles. Will hoch hinaus und kommt nur bis zur Hälfte. Ja ja, klein sein muss ab und zu auch ganz fest anstrengend sein. Und wenn dann die Grossen noch kommen und einem alles zeigen und es besser wissen, dann wird’s doppelt frustig.

Ich lasse meinen kleinen Napoleon nun seine Welt entdecken und wenn er grössenwahnsinnig wird – was alle fünf Minuten vorkommt – begegne ich ihm mit ganz viel Verständnis, einer zärtlichen Umarmung und trotz allem, klarer Linie. So lässt er sich ganz sanft in die richtige Richtung bugsieren und merkt kaum, dass die Mama es mal wieder besser wusste. In seinen Augen siegt der kleine Napoleon, das ist alles was zählt. Und ich – ich weiss ja, dass es nicht so ist, ich muss es nur nicht immer betonen 🙂

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